Wenn die Sprache zur Arbeit wird: Mehrsprachigkeit in Bieler Call Centern

Forschungsprojekt mit dem Forum für die Zweisprachigkeit Biel/Bienne, 2010 - 2011
Leitung : Prof. Dr. Alexandre Duchêne, wissenschaftliche Mitarbeit: Mi-Cha Flubacher

Die Stadt Biel-Bienne befindet sich im wirtschaftlichen Aufschwung. Neben der Uhrenindustrie, die traditionellerweise in der Region verankert ist, hat sich die Stadt der Diversifizierung verschrieben und sich so auch für den Dienstleistungs- und Kommunikationssektor geöffnet. Diese jüngere Entwicklung ist besonders interessant, da diese Positionierung mit der Zweisprachigkeit der Stadt zusammenhängt, die wiederum als wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung betrachtet wird. Tatsächlich wird die Zwei-/Mehrsprachigkeit im Dienstleistungs- und Kommunikationssektor zur Arbeit an sich. Dass die Stadt über zweisprachige (deutsch-französisch) resp. mehrsprachige („Secondos“) Arbeitskräfte verfügt, begründet ihre Standortattraktivität für Unternehmen, die sich auf Kommunikation spezialisieren – insbesondere für die Call Center-Industrie. Biel ist der Standort verschiedener Call Center, welche ihre Dienste für die gesamte mehrsprachige Schweiz anbieten. Die Ansiedlung dieser Unternehmen in der Region und die Tatsache, dass sich diese beruflichen Aktivitäten vor allem sprachlich und mehrsprachig gestalten, machen aus Biel ein besonders relevantes Forschungsfeld. Es bietet sich an, vor Ort die Rolle der Mehrsprachigkeit in den neuen Arbeitsgebieten zu verfolgen, den Stellenwert dieser oft ignorierten sprachlichen Arbeit hervorzuheben und die damit zusammenhängenden Herausforderungen freizulegen.

Das Ziel des Projekts ist folglich, die Zusammenhänge zwischen der Expansion des Dienstleistungs- und Kommunikationssektors und der Frage der Zwei- resp. Mehrsprachigkeit Biels zu erforschen. In einer ersten Phase wird der Versuch unternommen, die historischen Prozesse zu erfassen, welche zur Profilierung Biels als Stadt der Kommunikation führten. Zudem wird die Rolle der Zweisprachigkeit als Attraktivitätsmerkmal für Unternehmen der neuen Wirtschaft beleuchtet. Welche Rolle hat demnach die Zweisprachigkeit gespielt? War sie ein Marketingargument für die Ansiedlung der Call Center oder gaben andere sozioökonomische Faktoren dabei den Ausschlag?

In einem zweiten Schritt steht die Untersuchung der Rolle der Mehrsprachigkeit in der Arbeitsorganisation (Marketingstrategie, Rekrutierungsstrategie usw.) im Sinne einer Fallstudie eines bestimmen Unternehmens an (Call Center). Wie wird Mehrsprachigkeit verstanden? Welche Rolle wird der Mehrsprachigkeit in Bereichen wie Marketing und Rekrutierung zuteil?

Danach, in der dritten Phase des Projekts, betrachten wir die Arbeitspraxis und Spracharbeitende näher: Was ist das Profil von Personen, die in einem Call Center arbeiten? Auf welche Art und Weise verstehen sie ihre Beschäftigung und die am Arbeitsplatz praktizierte Mehrsprachigkeit?

Dieses Projekt interessiert sich somit für die Zusammenhänge zwischen Mehrsprachigkeit und Arbeit a) aus Sicht der politischen Akteure der Stadt Biel, b) aus Sicht der Unternehmen der Sprachindustrie und c) aus Sicht der Spracharbeitenden. Es bietet sich die Möglichkeit, eine differenzierte und kritische Sicht auf die Rolle der Mehrsprachigkeit als soziales und ökonomisches Kapital in der Stadt Biel zu gewinnen.